* 43 *

43. Das Drachenboot
Hund

Tante Zelda wurde von panischem Schrecken ergriffen.

»Wo ist nur der Schlüssel? Ich kann den Schlüssel nicht finden. Ah, da ist er ja.«

Mit zitternden Händen zog sie den Schlüssel aus einer ihrer Flickentaschen und schloss die Tür zum Laternenschrank auf. Sie nahm eine Laterne heraus und gab sie Junge 412.

»Du weißt doch, wohin ihr gehen müsst?«, fragte sie ihn. »Du kennst die Falltür im Tränkeschrank?«

Junge 412 nickte.

»Geht runter in den Gang. Dort seid ihr sicher. Dort findet euch niemand. Ich werde die Falltür verschwinden lassen.«

»Kommst du denn nicht mit?«, fragte Jenna.

»Nein«, antwortete Tante Zelda ruhig. »Boggart geht es sehr schlecht. Ich fürchte, er würde einen Transport nicht überleben. Aber macht euch um mich keine Sorgen. Von mir will er nichts. Ach, und Jenna, hier ist noch etwas für dich. Du kannst ihn genauso gut nehmen.« Aus einer anderen Tasche zog sie den zusammengerollten Panzerkäfer und gab ihn ihr. Jenna steckte ihn in die Jackentasche.

»Und jetzt geht!«

Junge 412 zögerte. Der nächste Blitz durchzuckte die Luft.

»Geht!«, kreischte Tante Zelda und ruderte mit dem Armen wie eine übergeschnappte Windmühle. »Geht!«

Junge 412 klappte die Falltür im Tränkeschrank auf und hielt die Laterne hoch. Seine Hand zitterte leicht, als Jenna die Leiter hinabkletterte. Nicko war zurückgeblieben und suchte Maxie. Er wusste, dass der Wolfshund große Angst vor Gewittern hatte, deshalb wollte er ihn mitnehmen.

»Maxie«, rief er laut. »Maxie, alter Junge!« Ein leises Winseln kam unter dem Teppich hervor.

Junge 412 war schon halb die Leiter hinunter. »Nun komm schon, Nicko«, rief er.

Nicko war in einen Ringkampf mit Maxie verwickelt. Der störrische Wolfshund wollte einfach nicht den Platz verlassen, den er für den sichersten auf der ganzen Welt hielt. Den Platz unter dem Kaminteppich.

»Beeil dich«, rief Junge 412 ungeduldig und streckte wieder den Kopf aus der Falltür. Er konnte nicht verstehen, was Nicko an diesem muffelnden Fellhaufen fand.

Nicko bekam das getüpfelte Tuch zu fassen, das der Hund um den Hals trug, zog ihn unter dem Teppich hervor und schleifte ihn über den Boden. Maxies Krallen kratzten mit einem grässlichen Geräusch über die Steinplatten, und als Nicko ihn in den dunklen Tränkeschrank schob, winselte er Mitleid erregend. Maxie fragte sich, womit er das verdient hatte. Er musste etwas sehr Ungezogenes getan haben. Aber was nur? Und warum hatte er es nicht noch mehr ausgekostet?

In einem Wirbel aus Fell und Sabber fiel Maxie durch die Falltür, landete auf Junge 412 und schlug ihm die Laterne aus der Hand. Die Laterne erlosch und kullerte den steilen Gang hinunter.

»Sieh nur, was du angerichtet hast«, fuhr Junge 412 den Hund an. Nicko hüpfte hinter ihnen von der Leiter. »Was?«, fragte er. »Was habe ich angerichtet?«

»Nicht du. Er. Die Laterne ist weg.«

»Die finden wir wieder. Keine Sorge. Jetzt sind wir in Sicherheit.« Nicko stellte Maxie auf die Füße, doch die Krallen des Wolfshunds fanden auf dem sandigen Felsboden keinen Halt. Er kam ins Rutschen und zog Nicko mit. Die beiden schlitterten den abschüssigen Gang hinunter, purzelten übereinander und blieben erst am Fuß einer kleinen Treppe liegen.

»Autsch!«, rief Nicko. »Ich glaube, ich habe die Laterne gefunden.«

»Fein!«, knurrte Junge 412. Er hob die Laterne auf, die sofort wieder zum Leben erwachte und die glatten Marmorwände des Tunnels beleuchtete.

»Da sind wieder diese Bilder«, sagte Jenna. »Sind sie nicht unglaublich?«

»Wie kommt es, dass jeder schon hier unten war, bloß ich nicht?«, beschwerte sich Nicko. »Kein Mensch hat mich gefragt, ob ich mir die Bilder auch gerne mal ansehen würde. He, auf dem da ist ja ein Boot, seht mal.«

»Wissen wir«, erwiderte Junge 412 kurz angebunden. Er stellte die Laterne ab und setzte sich auf den Boden. Er war müde und wünschte sich, Nicko würde den Mund halten. Doch Nicko war ganz aufgeregt über den Tunnel.

»Es ist fantastisch hier unten«, sagte er und bestaunte die Hieroglyphen, die die Wände von oben bis unten bedeckten, so weit man im Schein der Laterne sehen konnte.

»Ich weiß«, erwiderte Jenna. »Sieh mal, das hier gefällt mir besonders. Der Kreis mit dem Drachen drin.« Sie fuhr mit der Hand über das kleine blaue und goldene Bild an der Marmorwand. Plötzlich spürte sie, wie der Boden wackelte. Junge 412 schnellte in die Höhe.

»Was ist das denn?«, rief er und schluckte.

Ein anhaltendes dumpfes Rumpeln ließ ihre Füße erzittern und hallte durch den Gang.

»Sie bewegt sich!«, stieß Jenna hervor. »Die Tunnelwand bewegt sich!«

Die Wand teilte sich. Sie glitt schwerfällig zur Seite, und vor ihnen tat sich ein breiter Spalt auf. Junge 412 hielt die Laterne hoch. Sie erstrahlte in einem grellen weißen Licht und enthüllte ihren staunenden Blicken einen großen römischen Tempel. Unter ihren Füßen war ein Mosaikfußboden mit verschlungenen Mustern, und vor ihnen ragten mächtige runde Marmorsäulen in die Dunkelheit. Aber das war noch nicht alles.

»Oh.«

»Wow.«

»Puhl« Nicko pfiff. Maxie setzte sich und hechelte respektvoll Hundeatemwolken in die kalte Luft.

Auf dem Mosaikboden mitten im Tempel stand das schönste Boot, das sie alle jemals gesehen hatten.

Das goldene Drachenboot des Hotep-Ra.

Vom Bug ragte der riesige grüne und goldene Kopf eines Drachen empor, dessen Hals sich anmutig bog wie der eines Schwans. Der Körper des Drachen war ein breites offenes Boot mit einem glatten Rumpf aus goldenem Holz. Außen am Rumpf lagen sauber zusammengefaltet die Flügel des Drachens. Die grünen Falten begannen in allen Regenbogenfarben zu schillern, als die unzähligen grünen Schuppen das Licht der Laterne einfingen. Und der grüne Schwanz am Heck des Drachenboots krümmte sich weit in den Tempel hinein, sodass seine mit Stacheln versehene goldene Spitze fast im Dunkeln verschwand.

»Wie kommt das denn hierher?«, flüsterte Nicko.

»Schiffbruch«, antwortete Junge 412.

Jenna und Nicko sahen ihn überrascht an. »Woher weißt du das?«, fragten sie beide.

»Habe ich in Hundert merkwürdige und kuriose Geschichten für gelangweilte Jungen gelesen. Tante Zelda hat es mir geliehen. Aber ich habe es für eine Legende gehalten. Ich hätte nie gedacht, dass es das Drachenboot wirklich gibt. Geschweige denn, dass es hier ist.«

»Und was hat es damit auf sich?«, fragte Jenna, die hingerissen war von dem Boot und das komische Gefühl hatte, es irgendwo schon einmal gesehen zu haben.

»Es ist das Drachenboot des Hotep-Ra. Der Legende nach war er der Zauberer, der den Zaubererturm erbaut hat.«

»Ach ja«, sagte Jenna. »Marcia hat mir davon erzählt.«

»Na, dann weißt du ja Bescheid. Wie es weiter heißt, soll Hotep-Ra ein mächtiger Zauberer in einem fernen Land gewesen sein und einen Drachen besessen haben. Aber dann geschah etwas, und er musste schnell fort. Da erklärte sich der Drache bereit, sein Boot zu werden, und brachte ihn sicher in ein neues Land.«

»Dann ist – oder war – dieses Boot ein richtiger Drache?«, flüsterte Jenna für den Fall, dass das Boot sie hören konnte.

»Das nehme ich an«, antwortete Junge 412.

»Halb Boot, halb Drache«, murmelte Nicko. »Komisch. Aber wie kommt es hierher?«

»Es ist beim Leuchtturm von Port auf Felsen gelaufen«, erklärte Junge 412. »Hotep-Ra schleppte es in die Marschen und zog es aus dem Wasser in einen römischen Tempel, den er auf einer heiligen Insel fand. Er wollte es reparieren, fand aber in Port keine geschickten Handwerker. Port war damals noch ein übles Kaff.«

»Das ist es noch heute«, brummte Nicko. »Und vom Bootsbau verstehen sie dort noch immer nichts. Wer einen anständigen Bootsbauer will, geht flussaufwärts in die Burg. Das weiß jeder.«

»Tja«, fuhr Junge 412 fort, »diesen Rat bekam auch Hotep-Ra.

Aber als der sonderbar gekleidete Mann in der Burg aufkreuzte und behauptete, er sei Zauberer, lachten ihn alle aus. Keiner glaubte seine Geschichte von dem sagenhaften Drachenboot. Bis eines Tages die Tochter der Königin krank wurde und er ihr das Leben rettete. Aus Dankbarkeit half ihm die Königin, den Zaubererturm zu bauen. Eines Sommers nahm er sie und ihre Tochter mit in die Marschen und zeigte ihnen das Drachenboot. Und sie verliebten sich in das Boot. Danach bekam Hotep-Ra so viele Bootsbauer für die Reparatur, wie er wollte, und weil die Königin das Boot liebte und auch Hotep-Ra gern hatte, fuhr sie mit ihrer Tochter von da an jeden Sommer hinaus, nur um zu sehen, wie die Arbeit vorankam. Der Legende nach tut es die Königin bis heute. Oh ... äh, jetzt natürlich nicht mehr.«

Ein Schweigen trat ein.

»Tut mit Leid«, murmelte Junge 412. »Ich hab nicht dran gedacht.«

»Macht nichts«, sagte Jenna ein wenig zu heiter.

Nicko ging hinüber zum Boot und strich fachkundig mit der Hand über das glänzende goldene Holz des Rumpfs.

»Gut repariert«, sagte er. »Die haben etwas von ihrer Arbeit verstanden. Eine Schande, dass seit damals niemand mehr damit gesegelt ist. Es ist schön.«

Er kletterte die Holzleiter hinauf, die am Rumpf lehnte.

»Steht doch nicht so rum, ihr zwei. Kommt, sehen wir es uns an.«

Innen ähnelte das Boot keinem anderen, das sie jemals gesehen hatten. Es war in einem dunklen Lapislazuliblau gestrichen, und das Deck war mit hunderten Hieroglyphen in goldener Farbe versehen.

Junge 412 schritt über die Planken und ließ die Finger über das polierte Holz gleiten. »Auf der alten Truhe in Marcias Turmzimmer sind dieselben Schriftzeichen.«

»Tatsächlich?«, fragte Jenna zweifelnd. Soweit sie sich erinnerte, hatte Junge 412 im Zaubererturm fast die ganze Zeit die Augen zugehabt.

»Ich habe sie gesehen, als die Mörderin hereinkam«, sagte Junge 412. »Ich sehe sie noch genau vor mir.« Er litt oft unter seinem fotografischen Gedächtnis, das die schlimmsten Augenblicke genau festhielt.

Sie schlenderten übers Deck, vorbei an aufgeschossenen grünen Tauen, goldenen Klampen und Schäkeln, silbernen Blöcken und Fallen und nicht enden wollenden Hieroglyphen. Sie kamen an einer kleinen Kajüte vorbei. Die dunkelblaue Tür war zu und mit demselben Drachensymbol in einem abgeflachten Oval geschmückt, das sie an der Tür im Tunnel gesehen hatten. Keiner traute sich, sie zu öffnen und nachzusehen, was dahinter war. Sie schlichen auf Zehenspitzen vorbei und gelangten schließlich ins Heck des Bootes.

Zum Schwanz des Drachen.

Unter dem mächtigen Schwanz, der sich hoch über ihnen krümmte und im Dunkel verschwand, fühlten sie sich alle sehr klein und auch ein wenig verwundbar. Der Drache brauchte nur seinen Schwanz niedersausen zu lassen, dachte Junge 412, und es war um sie geschehen.

Maxie gehorchte inzwischen aufs Wort und trottete mit eingezogenem Schwanz brav hinter Nicko her. Er hatte noch immer das Gefühl, etwas Verbotenes getan zu haben, und der Aufenthalt auf dem Drachenboot hatte nicht zu einer Verbesserung seines Befindens beigetragen.

Nicko stand im Heck und begutachtete mit Kennerblick die Ruderpinne. Sie fand seinen Beifall. Ein elegantes, sanft geschwungenes Stück Mahagoni, das so meisterhaft gearbeitet war, dass es wie maßgefertigt in der Hand lag.

Nicko beschloss, Junge 412 zu zeigen, wie man damit steuerte.

»Schau, so musst du sie halten«, sagte er und packte den Hebelarm der Pinne, »und dann drückst du nach rechts, wenn du willst, dass das Boot nach links fährt, und wenn das Boot nach rechts fahren soll, ziehst du nach links. Ganz einfach.«

»Klingt für mich überhaupt nicht einfach«, sagte Junge 412 unsicher. »Müsste es nicht umgekehrt sein?«

»Sieh her, so.« Nicko drückte die Pinne nach rechts. Sie ließ sich problemlos bewegen, und das große Ruder am Heck schwenkte in die entgegengesetzte Richtung.

Junge 412 spähte über die Seite des Bootes. »Ach so. Jetzt verstehe ich.«

»Versuch du mal«, sagte Nicko. »Es bringt mehr, wenn du es selber hältst.«

Junge 412 nahm die Pinne in die Rechte und stellte sich daneben, so wie Nicko es ihm gezeigt hatte.

Der Schwanz des Drachen zuckte.

Junge 412 erschrak. »Was war das?«

»Nichts«, sagte Nicko. »So, und jetzt drückst du es einfach von dir weg, und zwar so ...«

Während Nicko seiner Lieblingsbeschäftigung nachging, nämlich einem anderen zu zeigen, wie Boote funktionierten, war Jenna nach vorn gegangen und sah sich den goldenen Drachenkopf an. Sie fragte sich, warum die Augen des Drachen geschlossen waren. Wenn ich ein so herrliches Boot hätte, so dachte sie, würde ich dem Drachen zwei große Smaragde als Augen geben. Das hätte er mehr als verdient. Und dann schlang sie, einer plötzlich Regung folgend, die Arme um den grünen Hals und lehnte ihren Kopf dagegen. Der Hals fühlte sich glatt und überraschend warm an.

Bei Jennas Berührung überfiel den Drachen ein Schauder. Ferne Erinnerungen stiegen in ihm hoch.

Lange Tage der Genesung nach dem schrecklichen Unfall. Am Mittsommertag kommt Hotep-Ra mit der schönen jungen Königin aus der Burg Besuch. Aus Tagen werden Monate, aus Monaten Jahre, und das Drachenboot liegt im Tempel und wird von Hotep-Ras Bootsbauern langsam, viel zu langsam wieder in Stand gesetzt. Und jeden Mittsommertag besucht die Königin, nun in Begleitung ihrer kleinen Tochter, das Drachenboot. Viele Jahre gehen ins Land, und noch immer sind die Bootsbauer nicht fertig. Endlose einsame Monate, wenn die Bootsbauer verschwinden und es allein lassen. Und dann wird Hotep-Ra alt und gebrechlich, und als das Boot endlich wieder in altem Glanz erstrahlt, ist Hotep-Ra zu alt, um es zu besichtigen. Er befiehlt, den Tempel unter einem großen Haufen Erde zu begraben, um das Boot zu schützen bis zu dem Tag, an dem es wieder gebraucht wird, und Dunkelheit umfängt es.

Doch die Königin vergisst nicht, was Hotep-Ra ihr gesagt hat – dass sie das Drachenboot an jedem Mittsommertag besuchen müsse. Und so kommt sie jeden Sommer auf die Insel. Sie lässt für sich und ihre Damen eine einfache Hütte bauen, in der sie wohnen können, und an jedem Mittsommertag entzündet sie eine Laterne, steigt damit hinunter in den Tempel und besucht das geliebte Boot. Wieder verstreichen Jahre, und alle nachfolgenden Königinnen statten dem Drachen am Mittsommertag einen Besuch ab, auch wenn sie den Grund dafür nicht mehr kennen. Sie tun es, weil schon ihre Mütter es getan haben, aber auch, weil sich jede neue Königin in das Boot verliebt. Umgekehrt liebt der Drache jede Königin, und obwohl jede auf ihre Art anders ist, haben alle dieselbe sanfte Art, ihn zu berühren.

Und so vergehen Jahrhunderte. Der Mittsommerbesuch wird ein geheimer Brauch, über den Weiße Hexen wachen, die in der Hütte wohnen, das Geheimnis des Drachenboots hüten und die Laternen entzünden, um dem Drachen über die schwere Zeit hinwegzuhelfen. Unter der Insel begraben, verdöst der Drache die Jahrhunderte und wartet in der Hoffnung, eines Tages befreit zu werden, auf jeden magischen Mittsommertag, an dem die Königin persönlich mit einer Laterne kommt und ihm ihre Aufwartung macht.

Bis zu jenem Mittsommertag, als die Königin nicht kam. Der Drache war in tiefer Sorge, doch er konnte nichts tun. Tante Zelda hielt sich in der Hütte bereit, falls die Königin doch noch kommen sollte, und der Drache wartete, von Tante Zeldas täglichen Besuchen mit einer frisch entzündeten Laterne bei Laune gehalten. Doch eigentlich wartete der Drache nur auf den Augenblick, da ihm die Königin wieder die Arme um den Hals legen würde.

So wie sie es eben getan hatte.

Der Drache öffnete überrascht die Augen. Jenna stockte der Atem. Ich muss träumen, sagte sie sich. Die Augen des Drachen waren tatsächlich grün, so wie Jenna sie sich vorgestellt hatte, aber sie waren keine Smaragde. Es waren lebendige, sehende Augen. Jenna ließ den Hals des Drachen los und wich vor ihm zurück. Die Augen des Drachen folgten ihren Bewegungen und ruhten lange auf der neuen Königin. Es ist eine junge, dachte der Drache, aber das schadet nichts. Er neigte respektvoll den Kopf.

Vom Heck aus sah Junge 412, wie der Drache den Kopf senkte, und er wusste genau, dass er es sich nicht nur einbildete. Auch das Plätschern, das er hörte, war keine Einbildung.

»Seht doch!«, schrie Nicko.

Ein schmaler dunkler Riss zeigte sich in der Wand zwischen den beiden Marmorsäulen, die das Dach stützten. Ein Rinnsal sickerte daraus hervor, als ob ein Schleusentor geöffnet worden sei. Der Riss wurde immer breiter, und das Rinnsal schwoll zu einem Bach an. Bald stand der Mosaikfußboden des Tempels unter Wasser, und der Bach wurde zum reißenden Strom.

Unter lautem Getöse gab der Erdwall draußen nach, und die Mauer zwischen den Säulen stürzte ein. Braune Fluten ergossen sich in die Höhle, brodelten rings um das Drachenboot, hoben es in die Höhe und warfen es hin und her, bis es plötzlich schwamm.

»Es schwimmt!«, schrie Nicko aufgeregt.

Jenna blickte vom Bug in das schlammige Wasser, das unter ihnen wirbelte, und beobachtete, wie die schmale Holzleiter umfiel und fortgespült wurde. Weit über sich spürte sie eine Bewegung. Langsam und mühsam, den Hals ganz steif von all den Jahren des Wartens, drehte der Drache den Kopf nach hinten, um zu sehen, wer am Ruder stand. Er heftete seinen dunkelgrünen Augen auf den neuen Kapitän, eine überraschend kleine Gestalt mit rotem Hut. Er hatte überhaupt keine Ähnlichkeit mit Hotep-Ra, seinem letzten Kapitän, der ein großer, dunkler Mann gewesen war, mit einem Gürtel aus Gold und Platin, der stets im Sonnenlicht geglänzt, und einem lila Umhang, der stets im Wind geflattert hatte, wenn sie zusammen über den Ozean segelten. Doch das Allerwichtigste erkannte der Drache: Die Hand, die das Steuer hielt, war eine magische Hand.

Es war so weit. Sie stachen wieder in See.

Der Drache hob den Kopf, und die beiden mächtigen ledernen Flügel, die zusammengefaltet an den Längsseiten des Boots lagen, lockerten sich.

Maxie knurrte und sträubte das Nackenfell.

Das Boot setzte sich in Bewegung.

»Was tust du denn?«, schrie Jenna Junge 412 an.

Junge 412 schüttelte den Kopf. Er tat überhaupt nichts. Das Boot war schuld. »Lass los!«, schrie Jenna gegen das Heulen des Sturms draußen an. »Lass das Ruder los! Das geschieht deinetwegen. Lass los!«

Aber Junge 412 konnte nicht loslassen. Etwas hielt seine Hand an der Pinne fest und steuerte das Boot mit seiner neuen Besatzung – Jenna, Nicko, Maxie und ihm – zwischen den beiden Marmorsäulen hindurch.

Kaum war der mit Stacheln bewehrte Schwanz des Drachen vom Tempel freigekommen, ertönte von beiden Seiten des Boots ein lautes Knarren. Der Drache hob die Flügel und entfaltete jeden wie eine riesige, mit Schwimmhäuten versehene Hand, indem er die langen knochigen Finger streckte und knackend und knirschend die Lederhaut straffte. Die Besatzung starrte in den Nachthimmel, verblüfft über den Anblick der mächtigen Flügel, die wie zwei gigantische grüne Segel das Boot überragten.

Der Kopf des Drachen reckte sich in die Nacht, seine Nüstern blähten sich und sogen den Geruch ein, von dem er all die Jahre geträumt hatte. Den Geruch des Meeres.

Endlich frei.

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